> Offener Brief des Lak SHALOM Berlin zur Ausstellung "Wall on Wall"
> Offener Brief verschiedener Einzelpersonen und Initiativen
> Brief an die MandatsträgerInnen der LINKEN in der BVV Friedrichshain- Kreuzberg
> "Hitler good - killed Jews" by Clemens Heni
> Rede der Bezirksverord- neten Frau Sommer- Wetter zur Begründung der Zustim- mung der Linksfraktion
> Rede des SPD-Fraktionsvorsitzenden zur Begründung der Ablehnung
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Rede des SPD-Fraktionsvorsitzenden Andy Hehmke zum Thema „Wall on Wall“ vor der BVV am 23. April 2008
Sehr geehrter Herr Vorsteher, meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Gäste,
das Bezirksamt hat in seiner Sitzung am 19. Februar mehrheitlich
beschlossen:
1. Das Ausstellungsvorhaben „Wall-on-Wall“ des Künstlers Kai Wiedenhöfer wird befürwortet.
2. Die Ausstellung kann auf der Rückseite der Hinterlandmauer
(Rückseite der ESG) in 2008 gezeigt werden in einer Gesamtlänge von ca.
300 Metern.
3. Der Bezirk erhebt keinerlei Kostenbeiträge für die Nutzung
der Mauer, die sich im Eigentum des Bezirks befindet, zu
Ausstellungszwecken. Der Bezirk beteiligt sich jedoch auch nicht
finanziell an diesem Projekt.
Die SPD-Fraktion hat bereits durch Anfragen an das Bezirksamt
sehr frühzeitig deutlich gemacht, dass sie dieses Ausstellungsprojekt
entschieden ablehnt. Die Gründe dafür will ich im Folgenden darlegen:
1. Die von Adrienne Göhler wiederholt beschworene Haltung,
jede Mauer trenne Menschen, schaffe Begrenzungen und Ausgrenzungen und
sei „steingewordener Ausdruck von Macht und Ohnmacht“ ist so banal und
allgemeingültig wie die Feststellung, dass Brücken Verbindungen
schaffen, über die die Menschen zueinander finden. Die Kritik Göhlers,
dass „jedes Land seine Mauer für unvergleichlich“ hält, obwohl sie sich
alle formal ähneln, führt auf Abwege, insbesondere in Bezug auf die
Funktion der Berliner Mauer über einen Zeitraum von 28 Jahren. Frau
Göhlers Argumentation gipfelt schließlich in der Feststellung:
„Bestenfalls kann man sagen: des einen Schutz ist des anderen Leid.
Auch die Berliner Vorstellung, das einmalige sei, dass die Mauer der
DDR gegen die eigenen Bürger gerichtet war, trifft natürlich genau so
auf andere Mauern zu, denken Sie an Korea.“
Ich wiederhole: „Des einen Schutz ist des anderen Leid.“ Diese
Ambivalenz im Kontext der Berliner Mauer zu nennen nähert sich nahezu
der Argumentation des SED-Regimes an, die Mauer sei ein
antifaschistischer Schutzwall zum Schutz der DDR vor imperialistischen
Übergriffen und Einmischungen. Also war nach Göhlerscher Lesart der
Schutz der DDR das Leid der West-Berliner und der Westdeutschen. Hier
können wir nur scharf protestieren. Diese Argumentation verhöhnt die
Opfer der Berliner Mauer und der Mauer an der innerdeutschen Grenze,
die über Jahrzehnte ein Volk getrennt und viele Opfer gefordert hat,
weil Menschen einfach nur in Freiheit leben wollten. Es fehlt nur noch
der Hinweis: Wir laden alle Geschichtsklitterer und DDR-Nostalgiker
ein, sich an dieser Stelle zu versichern, dass die innerdeutsche Mauer
keine Alleinstellungsmerkmale hatte, sondern dass sich dergleichen auch
in anderen – sogar in demokratischen – Staaten finden lasse. Der
geschichtskundige und reflektierende Besucher wird sich vielleicht dem
Diskurs im Rahmen der Begleitveranstaltungen oder der begleitenden
Berichterstattung der Feuilletonisten widmen, für die erwiesenermaßen
geschichtlich schlechter besattelten Jugendlichen, die nicht noch die
Gedenkstätte Berliner Mauer besichtigen, die den Weg nach
Hohenschönhausen nicht finden, entsteht dann ein ganz neues Bild. Die –
dann auf beiden Seiten künstlerisch gestaltete Mauer – hebt sich im
heutigen Zustand durchaus auch ästhetisch positiv von der Mauer ab, die
z.B. Israel zum Schutz vor Selbstmordattentätern in den letzten Jahren
errichtet hat. Welche Mauer ist also die schrecklichere?, fragt sich
der unkundige Tagestourist, bevor er zum Feiern ins Matrix oder den
Speicher einkehrt oder sich zum Bierchen in einer der vielen Kneipen
und Cafés trifft. Ein Hoch dem schiefen Vergleich und dem
Werterelativismus!
Ich möchte nur nebenbei erwähnen, dass sich am
Friedrichshain-Kreuzberger Spreeufer bislang keinerlei Hinweise auf die
Funktion und die frühere Beschaffenheit der Berliner Mauer finden
lassen. Der Maueropfer wird durch einen ebenso unauffälligen wie
unbekannten Gedenkstein am Gröbenufer gedacht.
2. Die ESG ist Teil des Gedenkstättenkonzeptes Berliner Mauer.
In diesem erhielten verschiedene Abschnitte des Mauerstreifens
verschiedene Funktionen, um möglichst umfangreich die Facetten,
Wirkungen, Nachwirkungen und Implikationen des Lebens in der geteilten
Stadt zu verdeutlichen. In diesem Konzept wird der ESG bereits die
Aufgabe der künstlerischen Bewältigung der deutsch-deutschen Teilung
und ihrer Überwindung zugewiesen. Der museale Charakter tritt hier
ohnehin eher in den Hintergrund zu Gunsten einer künstlerischen
Auseinandersetzung mit aktuellen Bezügen. Dafür macht sich seit vielen
Jahren die Künstlerinitiative East Side Gallery stark, die immer unser
Gesprächspartner und der Gesprächspartner des Bezirks war. Auch die
künstlerische Bearbeitung des Konfliktes zwischen Israel und den
Palästinensern hat hier einen prominenten Ort. Ich erinnere an das
Mauerbild „Vaterland“ des Künstlers Günter Schäfer. Aber warum ist die
Künstlerinitiative auf einmal nicht mehr Gesprächspartner? Warum lässt
man jetzt zu, dass gerade hier Trittbrettfahrer, ja – ich sage dies
ganz offen - Trittbrettfahrer einen Ort der provokanten bildhaften
Argumentation nahe an der politischen Agitation finden, als hätte dies
gefehlt, als hätte künstlerische Auseinandersetzung mit politischen und
gesellschaftlichen Prozessen hier bisher gefehlt. Hierzu erlaube ich
mir den Künstler Günter Schäfer zu zitieren:
Zur Frage: Wie stehen Sie zur Freiheit der Kunst ? (Berliner Abendblatt
vom 26.3.08) antwortet Schäfer:
„ Die Freiheit der Kunst ist eines der höchsten Güter, die die
Demokratie zu vergeben hat. Wann immer es gilt, muss sie verteidigt
werden. Das bedeutet für die Kreativen aber auch, eine besondere
Verantwortung im Umgang mit diesem Gut zu tragen. Der Umkehrschluss:
Die Freiheit der Kunst erfordert sensible Handhabung. Die jüngere
Geschichte unseres Volkes möge als Exempel diesen. Man sollte Kunst
eben nicht instrumentalisieren. Etwa durch Trittbrettfahrer. Egal von
welchen Motivationen sie dabei angetrieben werden.“Dem kann ich nur
beipflichten.
3. Die SPD-Fraktion wird sich in diesem Kontext nicht an
Antisemitismus- oder Anti-Israel-Vorwürfen gegen die Initiatoren der
Ausstellung beteiligen. Dafür sind andere berufener und mögen dies
besser beurteilen. Sicher ist aber, dass die Art und Weise der
Darstellung – auch und v.a. durch die Art und Weise der
Kontextualisierung – geeignet ist, um antiisraelische oder antijüdische
Vorurteile und Klischees zu bestätigen. So lädt man nicht nur
DDR-Nostalgiker ein, eine Projektionsfläche für die Rechtfertigung und
Verharmlosung der Mauer zu erhalten, sondern gleichsam auch die
Isreal-Gegner verschiedener politischer Coleur. Um es deutlicher zu
sagen: Die Relativierung des Schreckens der DDR-Mauer geht Hand in Hand
mit der Dämonisierung der anderen Mauern, die gezeigt werden. Zumindest
leistet die Ausstellung einer solchen Argumentation Vorschub. Die vom
Besucher anfassbare und erlebbare Berliner Mauer vermag es auch
aufgrund ihrer künstlerischen Gestaltung kaum, an dieser Stelle etwas
Abstoßendes und Menschenfeindliches zu vermitteln. Dagegen erhalten die
anderen nur als Bilder erfahrbaren Mauern etwas Bedrohlich-Abstoßendes,
das teilweise im Gegensatz zur Bedeutung und Funktion sowie
Entstehungsgeschichte der jeweiligen Mauern steht. Ich möchte nicht
sagen, dass es nicht erlaubt ist, Kritik an der israelischen Mauer zu
üben. Nein, mein Vorwurf gilt der Einladung zur einseitigen Kritik
aufgrund der schiefen Vergleiche und einseitigen Darstellung. Dies lädt
diejenigen ein, sich im erwünschten Diskurs hervorzutun, die vielleicht
auch die Ausstellungsmacher dort nicht haben wollen. Wir wollen nicht
hoffen, dass der Zauberlehrling die Geister, die er herbeiruft, nicht
auch wieder loswerden kann. Aber wir werden die Geister gut im Auge
haben. Und wir sind gespannt, wer sich durch Schriftzeichen, Sprüche
und anderes verewigen will.
4. Eine vierte und letzte Kritik sei mir an dieser Stelle
erlaubt. Ich hatte am Anfang meiner Rede auf die banale Feststellung
verwiesen, dass Mauern Menschen trennen. Diese allgemein gültige
Aussage hat immer Geltung, sie ist geschichtslos. Warum aber soll
gerade an so einem geschichtsträchtigen Ort wie der Berliner Mauer eine
geschichtslose und banale Feststellung den Ausgangspunkt eines
politischen und künstlerischen Diskurses bilden? Zur Erinnerung an
alle, die dies vergessen haben: Die Berliner Mauer ist eine der
krassesten und schrecklichsten Auswirkungen der deutsch-deutschen
Teilung im Zuge der Ost-West-Konfrontation. Diese ist gerade in
Deutschland eine unmittelbare Folge des von Deutschland entfesselten
II. Weltkriegs, eines barbarischen Vernichtungskriegs gegen viele
europäische Völker. Ohne diesen Krieg und die Eroberung fast des
gesamten europäischen Kontinents wäre der Massenmord an 6 Millionen
europäischen Juden nicht möglich gewesen. Und ohne die Shoah wäre die
Gründung des Staates Israel im Jahre 1948 undenkbar gewesen. Und bei
all diesen geschichtlichen Bezügen erlauben wir uns die angeblich
künstlerische Freiheit, im Zentrum der deutschen Hauptstadt eine
Ausstellung zu unterstützen, die derart geschichtslos ist und die
Geschichtsrevisionisten und Geschichtsverdreher einlädt, sich an einem
Diskurs zu beteiligen, den wir alle nicht wollen?
Ich bitte Sie, verehrte Bezirksverordnete, noch einmal in sich
zu gehen und zu überdenken, ob sie dem Vorhaben an diesem Ort wirklich
zustimmen wollen. Wenn sich die Initiatoren einen anderen Ort gesucht
hätten, dann hätten wir dies aus unserer Sicht zwar kritisiert, jedoch
hätten wir dies akzeptieren können. Aber der Zusammenhang zwischen den
Ausstellungsmotiven und dem Ort ist es, der unseren entschiedenen
Widerstand hervorruft. Und offenbar ist das Ganze einigen von Ihnen
auch nicht mehr ganz geheuer. Zuerst verlegt das Bezirksamt die
Ausstellung auf die Rückseite der Mauer, weil man sich wohl nicht
traut, diese so ganz öffentlich zu präsentieren. Dann bringt die
Fraktion der Linken ins Spiel, das Bezirksamt möge sich zu
Ausstellungsbeginn deutlich für das Existenzrecht des Staates Israel
aussprechen. Aha, offensichtlich wird hier aufgrund der schiefen
Vergleiche eine Notwendigkeit gesehen Dinge gerade zu rücken. Aber das
geht auch einfacher. Lassen Sie die Besen im Schrank. Wer die Geister
nicht ruft, muss sich nicht darum bemühen, sie wieder loszuwerden.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
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