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> Offener Brief des Lak SHALOM Berlin zur Ausstellung "Wall on Wall"


> Offener Brief verschiedener Einzelpersonen und Initiativen


> Brief an die MandatsträgerInnen der LINKEN in der BVV Friedrichshain- Kreuzberg


> "Hitler good - killed Jews" by Clemens Heni


> Rede der Bezirksverord- neten Frau Sommer- Wetter zur Begründung der Zustim- mung der Linksfraktion

> Rede des SPD-Fraktionsvorsitzenden zur Begründung der Ablehnung

Liebe Genossinnen und Genossen,

als Landesarbeitskreis innerhalb des Jugendverbandes sind wir der Auffassung, dass wir trotz oftmals unterschiedlicher Meinungen den Dialog mit unseren GenossInnen suchen und die Politik unserer Partei und dessen VertreterInnen kritisch und solidarisch begleiten wollen. Hierbei werden werden uns nicht immer einig werden, jedoch ist für uns Politik gemeinsam zu gestalten und bedarf sowohl der Kritik an Positionen und Auffassungen, aber auch der Solidarität diese Kritik in Gesprächen vorzubringen und um gemeinsame Lösungsansätze zu streiten.
Auch künftig wollen wir dies, euch in diesem Fall im Besonderen, aber auch im allgemeinen gegenüber der Landes-Partei beibehalten und eine konstruktive Gesprächebene weiter ausbauen.

Nun zu dem strittigen Projekt „Wall on Wall“.


Das Projekt, die KünstlerInnen und der „Kompromiss“

Bereits im vergangenen Jahr wurde gegenüber dem Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg ein Antrag gestellt, die Eastside Galery als Ausstellungsfläche für das Projekt „Wall on Wall“ nutzen zu können. Die KünstlerInnen beabsichtigten eine Reihe von Fotografien israelischer Sicherheitsmaßnahmen am größten noch erhaltenen Mauerstreifen zu installieren. Es war beabsichtigt deutlich zu machen, dass „Mauern“ an sich ein Akt von Gewalt seien. Bereits in unsererm offenen Brief haben wir darauf hingewiesen, wie sich Herr Wiedenhöfer zum historischen Bezug auf die Mauer geäussert hat: „Von diesem Land ist unendlich viel Leid ausgegangen, aber dann haben wir es 1989 geschafft, friedlich die Mauer zu beseitigen“.

Es war von vornherein die Absicht des Künstlers, sich ausschließlich auf den Sicherheitszaun zwischen Isarel und den palästinensischen Autonomiegebieten zu beziehen und eine Verbindung zur ehemaligen Grenze der DDR in Berlin herzustellen. Dieses Projekt ist ohne diese besondere Ausstellungsfläche nicht denkbar, was von unterschiedlichen Personen immer wieder betont wurde. Selbst wenn eine Gleichsetzung der DDR mit dem Staat Israel durch das Projekt und den Künstler in Frage gestellt wird, so soll eine klar erkennbare Gleichsetzung des Umgangs mit beiden Grenzanlagen suggeriert werden. Das dies jedoch unverantwortbar ist, sollte jedem bewusst sein, der die Sicherheitslage in Israel kennt. Der subtile Charakter des Projektes muss hierbei nicht weiter erwähnt werden. Und nochmals müssen wir darauf hinweisen, dass es einen eklatanten Unterschied zwischen den ErbauerInnen dieser beiden Grenzanlagen gibt. Die einen haben durch den Bau einer Mauer versucht, die Bevölkerung an der Ausreise zu hindern. Dies geschah innerhalb einer Diktatur, die keinerlei Legitimation durch die BürgerInnen des Staates hatte. Die anderen sind demokratisch gewählte VertreterInnen eines Staates, die im Sinne ihrer Bevölkerung Maßnahmen ergreifen, um sich gegen andauernde terroristische Anschläge zu verteidigen.
Die letztlich durch das Bezirksamt geforderte Abänderung der Ausstellung hat nichts an der äusserst problematischen Ausrichtung des Projektes verändert. Der Ort bleibt der selbe, ob nun auf der Spree- oder Straßenseite. Sicher ist ein genaueres Befassen mit dem Projekt nunmehr möglich, jedoch hat die Fläche an symbolträchtigkeit nichts einbüßen müssen.
Das Anbringen von Fotos weiterer Grenzanlagen hat ebenfalls den Charakter der Ausstellung nicht maßgeblich abgeändert. Im Gegenteil, dies wirft nur neue Fragen auf, da nun noch deutlicher herausgestellt werden soll, dass es sich bei den Sicheranlagen in Israel um eine „ganz normale“ Grenze handelt, die auch wie jede andere Grenze in der Welt zu bewerten ist.


Zensur durch die Politik?

Als KommunalpolitikerInnen kommt es eher selten vor, dass Entscheidungen zu treffen sind, die über einen Bezirk hinaus Bedeutung haben. Doch ab und zu kommt dies vor und bedarf dann dem verantwortungsvollen Prüfen und Handeln der MandatsträgerInnen, denn nicht allein die bezirkliche Bevölkerung hat ein Interesse, sondern eben auch die breite Öffentlichkeit.
In eurem Bezirk befindet sich das größte noch erhaltene zusammenhängende Stück der Berliner Mauer. Dies auferlegt euch eine Besondere Verantwortung, ist doch dieser ehemalige Grenzstreifen Symbol für den Verlauf des kalten Krieges und der Teilung in zwei Deutsche Staaten.
Wir vertreten den Anspruch freier Kunst ebenso, wie wir die Freiheiten der bürgerlichen Gesellschaft an sich als zu verteidigendes Gut empfinden und dessen Ausbau fordern. Nebenbei erwähnt, sind es eben diese Freiheiten die der Staat Israel durch Sicherheitsanlagen im Nahen Osten ebenfalls verteigen möchte.

Ein Eingriff in diesses freie Künstlerische Schaffen hat jedoch bereits statt gefunden. Nämlich in dem Augenblick, als das Bezirksamt eine Erweiterung der Ausstellung forderte. Es entspricht nun eimal nicht dem ursprünglichen Konzept des Künstlers den jetzt vorgeschlagenen Ort zu nutzen und weitere Bilder anderer Grenzanlagen zu zeigen. Der Künstler hat bewusst nicht nur Kunst als unpolitisches Subjekt konzipiert, sondern eine politische Aussage damit verbunden. Und als PolitikerInnen, aber auch als Öffentlichkeit kann und muss diese Aussage bewertet und ggf. kritisiert werden. Ein Eingriff in die Kunst selbst ist zweifellos nicht gefordert, jedoch geht es hierbei ja um die Bereitstellung eines bestimmtes Elementes dieses „Kunstwerkes“ durch die Politik und letztlich somit die BürgerInnen, nämlich der Berliner Mauer. Ob Politik und Öffentlichkeit dies vollzieht ist durchaus eine durch PolitikerInnen zu beantwortende Frage. Und das Bezirksamt hat sich entschieden einzugreifen.

Nicht das Kunstwerk an sich bedarf der Zensur, denn das obliegt der Meinungsfreiheit, sondern die durch das Bezirksamt zu leistenden Unterschützungen.
Kunst hat selbstverständlich den Auftrag des Beförderns gesellschaftlicher Debatten, jedoch findet dies zumeist unabhängig von staatlichem Handeln statt, damit eben eine unabhängige Diskussion führbar ist. Jedoch stellt sich unter dem Gesichtspunkt des vorbenannten Eingriffs in das Projekt die Frage, welche Debatte möchte denn der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg führen bzw. welche Intention vertritt dieser mit seinen Ergänzungen, durch die er sich die Ausstellung und dessen Aussage zu eigen macht?


Die Besonderheit des Zeitpunktes

Im Mai diesen Jahres begeht der Staat Israel seinen 60. Geburtstag. Dieser hat auch für uns Deutsche eine besondere Bedeutung. Israel ist nach den Schrecken der Shoah Schutzraum für Jüdinnen und Juden in aller Welt. Ein Schutzraum der aufgrund Jahrhunderte langer Verfolgung und Diskrimminierung, nicht zuletzt der Ermordung von über 6 Millionen Jüdinnen und Juden seine dringende Berechtigung hat. Heute ist Israel der einzige demokratische Staat im Nahen Osten und bietet auch homosexuellen AraberInnen, verfolgten Frauen und Minderheiten Schutz durch demokratische Strukturen.

Seit der Gründung Israels musste der junge Staat mit Angriffen durch Nachbarstaaten oder TerroristInnen fertig werden. Gregor Gysi sagte in seiner erst kürzlich gehaltenen Rede:

„Deutschland ist einer allenfalls abstrakten terroristischen Gefahr ausgesetzt, die für Schäuble, Jung und andere Sicherheitsfanatiker schon Grund genug ist, beängstigende Angriffe auf liberale Bestände unserer Verfassung zu unternehmen. Wäre bei dieser Hysterie eine rechtsstaatliche Demokratie in Deutschland überhaupt noch denkbar, wenn Deutschland sich in einer mit der israelischen Gesellschaft vergleichbaren Bedrohungslage befände? Ich habe da große Zweifel. Daher anerkenne ich die Bewahrung demokratischer Verhältnisse – einschließlich einer demokratischen Öffentlichkeit – während der vergangenen 60 Jahre seit der Gründung Israels dort als eine wirklich große Leistung, die Bewunderung und Anerkennung verdient.“

Auf die besondere Bedeutung der Berliner Mauer, ob Spree- oder Straßenseite, sind wir bereits eingegangen. Hinzu kommt nunmehr, dass nun also in diesem Mai, quasi zufällig zum besagten 60. Jahrestag der Gründung Israels, an diesem geschichträchtigen Ort mitten in der Deutschen Hauptstadt, an einem Ort also, von dem unsagbares Leid in alle Welt getragen wurde, eine solche Ausstellung durch den Bezirk unterstützt stattfindet. Eine Ausstellung mit einer klar erkennbaren Aussage an Israel. Und wenn auch die Intention einiger KommunalpolitikerInnen eine ganz andere ist, so schützt dies nicht vor der Interpretation der BesucherInnn und nicht zuletzt der Isralis selbst.
Dieses Zeichens sollten sich alle Mitglieder der BVV und des Bezirksamtes bewusst sein.
Aus unserer Sicht, würde der Bezirk gut daran tun, ein ebensolches Zeichen zu verhindern, was nicht heisst, dass Kunst zensiert werden soll. Jedoch muss ein derart umstrittenes Projekt nicht die Unterstützung deutscher Verwaltungen bekommen.


Der Ort

Nur kurz zur (Berliner) Mauer:
Wir halten den gewählten Ort auch aus einem anderen Grund für problematisch. An der Staatsgrenze der ehemaligen DDR sind Menschen ums Leben gekommen, die das Land verlassen wollten. Sie wurden daran durch den Einsatz von Schusswaffen gehindert. Die Mauer forderte viele Tote. Für viele Opfer der Diktatur in der DDR ist die Mauer Symbol für dessen Leid. Es ist nicht akzeptabel, dass der Grenstreifen genutzt bzw. instrumentalisiert wird, für die politischen Aussagen eines Künstlers, der damit Kritik an einem demokratischen Staat üben möchte.
Die Mauer hat eine Geschichte und diese steht für sich allein. Es erscheint völlig unverständlich, warum der Bezirk den Eindruck der Relativierung dieser Geschichte durch kurzlebige Kunstprojekte mit befördert. Es sind die Geschichten der Menschen, die an dieser Mauer starben und jener, die sie zu überwinden suchten, aber es nicht konnten, die die Aussage der DDR-Grenze treffen. Diese Aussage darf nicht durch völlig andere Konflikte und Grenzanlagen überdeckt werden.


Ein Appell

Liebe Genossinnen und Genossen,
man kann diese Problematik immer wieder abwägen und diskutieren. Dennoch wird es immer unterschiedliche Auffassungen geben. Die vorgetragenen Argumente werden letzte Zweifel an der eigenen Position nicht ausräumen können. Die Mitglieder unserer Fraktion in Friedrichshain-Kreuzberg haben eine schwierige Entscheidung zu treffen. Vor allem vor dem Hintergrund, dass diese eben Auswirkungen über den Bezirk hinaus haben wird. Wir bitten euch, euch dieser Verantwortung bewusst zu sein. Es geht u. a. nicht um weniger als das Ansehen eures Bezirkes, der Stadt Berlin und durch die besondere Symbolik der Bundesrepublik.
Der von euren VertreterInnen im Kulturausschuss vorgetragene Kompromiss, das Existenzrecht Israels in einer Eröffnungsrede zu unterstreichen, halten wir nicht für angemessen. Ein solcher Antrag von euch, würde die Frage aufwerfen, inwieweit dies nicht ohnehin selbstverständlich ist. Weiterhin würde dadurch die von uns kritisierte Aussage der Ausstellung immer noch dieselbe sein.
Eine Debatte innerhalb unserer Partei über das Verhältnis der LINKEN zu Israel wurde nicht zuletzt durch Gregor Gysi in Bewegung gesetzt. Längst überfällig wie wir finden.

In der kommenden Sitzung eurer BVV wird eine Vorlage des Bezirksamtes zur Kenntnisnahme vorliegen. Es handelt sich also weniger um eine tatsächliche Entscheidung, sondern vielmehr um das Akzeptieren eines längst getroffenen Beschlusses. Aufgrund der vorrangegangenen Sichtweise unsererseits, und wir sind überzeugt, auch von vielen Menschen in unserer Stadt und darüber hinaus, fordern wir euch auf, euch bei der Abstimmung über die Kenntnisnahme der Stimme zu enthalten. Wenn die öffentliche Kritik Zweifel bei euch geweckt hat, so ist eine Enthaltung auch ein Zeichen einer äusserst schwierigen Entscheidung.
Auch aufgrund der Abwägung zwischen der Vereinnahmung eines historischen Symbols Berlins und der Unterstüzung künstlerischer Freiheit ist eine solche Positionierung zu empfehlen. Nicht zuletzt der bereits erfolgte Eingriff durch die Politik in dieses Projekt, sollte die Frage aufwerfen, in wieweit eine Zustimmung den Grundsätzen der oftmals zitierten künstlerischen Freiheit widerspricht. Die Unterstützung für ein solches Projekt durch die Bereitstellung der Berliner Mauer abzulehnen ist das eine. Dieses auch noch abzuwandeln, um es eigenen Ansprüchen gerecht zu machen ist äusserst kritisch. Der Bezirk stellt sich somit noch deutlicher hinter die Aussage des Künstlers und die Interpretationsspielräume darüber in der Öffentlichkeit.

Wir wünschen euch eine konstruktive Diskussion innerhalb eurer Fraktion und eures Bezirksverbandes und hoffen, wie auch immer eure Entscheidung ausfällt, dass wir diesen solidarischen Dialog untereinander forsetzen werden.

In diesem Sinne



Mit sozialistischen Grüßen


Bjoern Tielebein
Für den Landesarbeitskreis SHALOM Berlin

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Bundesarbeitskreis SHALOM


DOKUMENTE:

<<< Grundsatzerklärung des BAK SHALOM

<<< Offener Brief zur Austellung „Wall on Wall

<<< Erklärung zu den Vorfällen am 19. Januar 2008 in Magdeburg